Streifzug 4: Jetzt wird komponiert

Jelly Roll Morton, Pianist und erster Komponist des Jazz

Jelly Roll Morton (1890-1941) wurde in den 1930ern vom Musikethnologen Alan Lomax zu den Anfängen des Jazz in New Orleans stundenlang befragt. Das obige Titelbild ist eine rückblickende Illustration eines Interviews mit Morton von Brett Affrunti (2017).

 

Inhalt

  1. Präludium
  2. Morton, erster Komponist des Jazz
  3. Erfinder des Jazz, der schon 1902 swingte?
  4. Morton erklärt den „Tiger Rag“
  5. Ein Zeitzeuge hat das Wort
  6. Die besten Tonaufnahmen Mortons zwischen 1926 und 1929

1 Präludium

Allem voraus eine Showpiece von Jelly Roll Morton, „The Finger Breaker“, gespielt vom Stride-Pianisten Dick Hyman in unseren Tagen: Wie doch die frühe, Ragtime-inspirierte Jazzpianistik unterhaltend gewesen sein muss!

 


Jelly Roll Morton: The Finger Breaker by Dick Hyman (YouTube, 3:03).

 

Morton war ein zwielichtig-halbseidene Persönlichkeit.

Morton war ein zwielichtig-halbseidene Persönlichkeit.

 

Dennoch schaffte es Morton dank seiner Musik – welche Ehre – auf eine amerikanische Briefmarke.

Dennoch schaffte es Morton dank seiner Musik – welche Ehre – auf eine amerikanische Briefmarke.

 

Anekdoten aus Jelly Roll Mortons Leben: Man sehe sich den „New Orleans“-Trailer zu Don McGlynns Dokumentation über den Pianisten an.

 


Don McGlynns: «New Orleans Trailer» (YouTube, 3:29).

 

Morton, erster Komponist des Jazz

 

Jelly Roll Morton schrieb seine Kompositionen in den 1920ern für seine Red Hot Peppers.

Jelly Roll Morton schrieb seine Kompositionen in den 1920ern für seine Red Hot Peppers.

 

Mit den Red Hot Peppers zeigt sich Jelly Roll Morton als erster Jazz-Komponist: New-Orleans-Jazz ist hier eine sorgfältig ausgedachte Kunst und keinesfalls bloss chaotische Improvisationsmusik. Auch mit eingespielten Geräuschen experimentiert Morton.

Mit den Red Hot Peppers zeigt sich Jelly Roll Morton als erster Jazz-Komponist: New-Orleans-Jazz ist hier eine sorgfältig ausgedachte Kunst und keinesfalls bloss chaotische Improvisationsmusik. Auch mit eingespielten Geräuschen experimentiert Morton.

 


Jelly Roll Mortons Red Hot Peppers: «Sidewalk Blues» (1926) (YouTube, 3:24).

 

„Morton began recording with ensembles of seven and eight players in the fall of 1926 (…) Morton called his group the Red Hot Peppers, and Victor advertised it as ‚The Number One Hot Band’, although it existed solely to record. To many, the Peppers sessions represent the pinnacle of the New Orleans tradition, an ideal balance between composition and improvisation.“

 


Jelly Roll Morton: «Dead Man Blues» (YouTube, 3:31).

 

‚Dead Man Blues’ is Morton’s interpretation of the New Orleans burial ritual, which he traced back to Scripture: rejoice at the death and cry at the birth. It begins with a scene –setting dialogue in the style of black minstrelsy, a comedic way of announcing Morton’s intention to invoke a New Orleans funeral (…) Morton organized his music scrupulously, going so far as to notate the parts for bass (bass lines are usually improvised, rarely composed). We are always conscious of each instrument: the tailgate smears of the trombone, the snap of the trumpet, the pretty harmonizing of the clarinets, the clanging rhythm of the banjo. For those who think of New Orleans jazz as genial chaos, with simultaneously improvised melody linkes tumbling untidily on top of another, Morton’s music may come as a revelation.“

 

Plakat 14july27

 

„While ‚Dead Man Blues’ is a twelve-bar blues, it’s also organized like a tune in march/ragtime form: choruses 1 and 2 correspondend to the first strain (A); choruses 3 and 4, played by cornet and rhythm, to the second (B). The fifth and sixth choruses serve as the trio, a section of the piece for which Morton often reserved his most melodic ideas. For this recording, he hired two extra clarinetist to blend with Omer Simeon in playing blockchord harmonies.“

 

Poster Jelly Roll Morton

Poster Jelly Roll Morton

 

3 Erfinder des Jazz, der schon 1902 swingte?

Jelly Roll Morton behauptete, er habe bereits 1902 den Jazz erfunden. Er habe im solistischen Klavierspiel eine individuelle Spielweise entwickelt, weder Ragtime noch Blues, sondern beide Spielweisen vebindend. Er habe als Erster eine swingende, rhythmisch betonte, gleichzeitig entspannte Musik gemacht. Zumindest in den Soloaufnahmen der 1920er-Jahre wird tatsächlich ein Swingfeel spürbar: „Die Solo-Einspielungen zeigen, dass Morton den Ragtime hinter sich gelassen hatte. Er überwand vor allem das Mechanische und mathematisch Präzise, das dem Ragtime oft anhaftete; seine Stomps sind von einer grösseren rhythmischen Vielfalt, sie wirken gelöster, sind freier und gründen mehr auf der Improvisation.“

 

Gelöstes Rhythmusgefühl schon im Jahr 1902 – Jelly Roll Morton.

Gelöstes Rhythmusgefühl schon im Jahr 1902 – Jelly Roll Morton.

 

Trouvaillen sind die Dutzenden von Aufnahmen Mortons in den späten 1930er-Jahren für die Library of Congress, die im Rückblick die Entstehung des Jazz dokumentieren. Dahinter stand der Volkskundler Alan Lomax. Und hier demonstrierte Jelly Roll Morton –faszinierend! –, was er damit meinte, wenn er von seinem frühen Swing sprach: Einmal spielte er den „Maple Leaf Rag“ in konventioneller Weise als Ragtime; ein andermal aber so, wie er schon bereits 1902 gespielt habe – langsamer und swingend.

Mortons zwei Versionen des „Maple Leaf Rag“:

 


Jelly Roll Morton: «Maple Leaf Rag» aus «The Complete Library of Congress Recordings by Alan Lomax» (YouTube, 4:23).

 

Mortons Aufnahmen für die Library of Congress sind heute in einer schicken Sammelbox erhältlich.

Mortons Aufnahmen für die Library of Congress sind heute in einer schicken Sammelbox erhältlich.

 

Oldtime-Jazzkenner und Ragtime-Klavierspieler Terry Waldo spricht im folgenden Filmausschnitt davon, wie Jelly Roll Morton statt des Marsch-Rhythmus in 2/4 plötzlich im 4/4-Feel zu denken begann (und eben vielleicht schon swingte), wie Morton mit dem Klavier eine ganze New-Orleans-Band imitieren wollte mit Gegenmelodien, der Idee von Breaks.

 


Terry Waldo Talks (and Plays) Jelly Roll Morton (YouTube, 13:04).

 

4 Morton erklärt den „Tiger Rag“

Sensationelle Geschichtslektion: Morton gibt 1939 für die Library of Congress Auskunft über die Entstehung des Jazz in New Orleans. Dabei erklärt er, wie „seine“ Komposition, der „Tiger Rag“ entstanden ist – aus einer alten frz. Quadrille heraus. Morton führt vor, wie jeder einzelne Teil des „Tiger Rag“ unterschiedlicher Herkunft ist (bis hin zur Geburt aus dem Walzer). Und er spielt uns das alles auch am Klavier vor!

 

Jelly Roll Morton: Tiger Rag Interview (7:50)

 

Der „Tiger Rag“, früher unterm Namen bekannt auch „Hold That Tiger“, ist eines der bekanntesten Stücke des Dixieland-Jazz. Die Urheberschaft des „Tiger Rag“ ist umstritten, auch ODJB-Trompeter Nick LaRocca beansprucht sie – genauso aber Jelly Roll Morton.

 

Tiger Rag Cover

 

Hans-Jürgen Schaal zufolge wurde der Tiger Rag „zum Inbegriff dessen, was Jazz um 1920 in weiten Teilen der Welt bedeutete: schnelle, rhythmische, wilde, ekstatische Tanzmusik mit kollektiver Improvisation, knappen Riffs und witzigen Breaks.“ Der Tiger Rag rangiert deshalb mit 136 Aufnahmen nach dem St. Louis Blues (165 Aufnahmen) an zweiter Stelle der meistgecoverten Jazzstandards. Er wird insbesondere im Dixieland Jazz bis heute häufig gespielt.

Der Tiger Rag besteht musikalisch aus vier Formteilen, die wie im klassischen Ragtime aneinandergefügt sind. Er besitzt die typische Marschform wie beinahe alle Ragtime-Stücke.

5 Ein Zeitzeuge hat das Wort

Der New-Orleans-Banjospieler und Louis-Armstrong-Mitstreiter Johnny St. Cyr spricht über Jelly Roll Morton und die frühen Tage in New Orleans.

 

„Er spielte fast immer Klavier, Tag und Nacht; wir wussten nicht, wann er eigentlich schläft“: Johnny St. Cyr über Jelly Roll Morton in New Orleans.

„Er spielte fast immer Klavier, Tag und Nacht; wir wussten nicht, wann er eigentlich schläft“: Johnny St. Cyr über Jelly Roll Morton in New Orleans.

 


Johnny St. Cyr on Jelly Roll Morton and New Orleans (YouTube, 16:50).

 

6 Die besten Tonaufnahmen Mortons zwischen 1926 und 1929

 

Playliste

 


Jelly Roll Morton: «The Best of Jelly Roll Morton», Jazz Music
1. Black Bottom Stomp – 0:00
2. Smoke-House Blues – 3:05
3. The Chant – 6:27
4. Sidewalk Blues – 9:33
5. Dead Man Blues – 13:00
6. Steamboat Stomp – 16:13
7. Someday Sweetheart – 19:19
8. Grandpa’s Spells – 22:48
9. Original Jelly Roll Blues – 25:40
10. Doctor Jazz – 28:44
11. Cannon Ball Blues – 32:07
12. Hyena Stomp – 35:39
13. Billy Goat Stomp – 38:46
14. Wild Man Blues – 42:13
15. Jungle Blues – 45:16
16. Beale Street Blues  – 48:41
17. The Pearls – 51:53
18. Georgia Swing – 55:16
19. Kansas City Stomps – 57:47
20. Shoe Shiner’s Drag – 1:00:45
21. Boogaboo – 1:04:10
22. Gambling Jack – 1:07:35
23. Fickle Fay Creep – 1:10:22

 

Literatur

Cover: Hans-Jürgen Schaal (Hrsg.) Jazz-Standards. Das Lexikon.Buchtipp
Hans-Jürgen Schaal (Hrsg.) Jazz-Standards. Das Lexikon (Kassel 2004).
Das Buch – 589 Seiten stark – bringt nicht nur die Entstehungsgeschichte so mancher Komposition Jelly Roll Mortons – sondern arbeitet auf jeweils knapp zwei Seiten das Wichtigste auf zu sämtlichen kanonisierten Standards des Jazz bis heute. „Stardust“ von Hoagy Carmichael? „Maiden Voyage“ von Hancock? Jetzt wissen wir, wie sie entstanden, wer sie alles umsetzte in gültigen Versionen.

Verwendete Literatur

[1]
DeVaux/Giddins: Jazz – Essential Listening (2011).
[2]
Michael Jacobs, All that Jazz (1996).
[3]
Hans-Jürgen Schaal (Hrsg.) Jazz-Standards. Das Lexikon. (Kassel 2004).