Streifzug 9: Der Vater

Duke Ellington, Teil 2: Der Anfang alles orchestralen Jazz

Für den orchestralen Jazz ist Duke Ellington (1899-1974) wie ein Abraham. Ellington formulierte die Gründungsurkunde alles feinsinnigen Bigband-Jazz.

 

Inhalt

  1. Rot, Gelb, Orange – Ellington jammt bei US-Präsident Nixon
  2. Wie schön, wie raffiniert: Sieben geheiligte Ellington-Klassiker

1 Rot, Gelb, Orange – Ellington jammt bei US-Präsident Nixon

Edward Kennedy „Duke“ Ellington ist der Jazz-Bigband-Leader par excellence. „Allen orchestralen Jazz hat er in irgendeiner seiner Entwicklungsphasen irgendwie vorweggenommen.“ (Peter Rüedi)

 

Zwar spielte der Duke Piano. Doch sein eigentliches Instrument war die Band mit ihren mannigfaltigen Instrumenten und Orchesterfarben.

Zwar spielte der Duke Piano. Doch sein eigentliches Instrument war die Band mit ihren mannigfaltigen Instrumenten und Orchesterfarben.

 

Über Jahrzehnte hielt der Duke sein Orchester aufrecht – mit dem ehernen Durchhaltewillen eines katholischen Kirchenfürsten. Und seine musikalische Botschaft, auch sie scheint ewig: Wie gut doch die Bigband-Stücke Ellingtons alter(te)n mit ihrer unverwechselbaren, raren Instrumentierungskunst!

 

Eine Musik der Farben: rot, gelb, orange, blau, himmelblau, grün, violett, ocker, senfgelb

Selbst Arrangements von Ellington aus den 1930ern klingen bis heute taufrisch, originell, tiefsinnig. Das hängt weniger mit Melodien zusammen als vielmehr mit den Ellingtonschen Klangfarben oder „Voicings“. Wie Ellington feinsinnig die Tonpalette benutzt! Wie er jedem Instrument im Satz diese oder jene Farbe zuordnet!

Man darf synästhetisch denken bei seinen Stücken. „Harlem Airshaft“ oder „Warm Valley“ etwa beruhen auf Bildeinfällen Ellingtons. Das ist Musik in Rot, Gelb, Orange, Blau, Himmelblau, Grün, Violett, Ocker, Ockergelb. Jazzistischer impressionistischer Farbenzauber.

Und so brachte es der Duke weit im Leben.

Sage noch jemand, Jazz sei nicht salonfähig! Am 29. April 1969 richtete der damalige US-Präsident Richard Nixon im Weissen Haus eine Party an zu Ellingtons siebzigstem Geburstag. Die illustren Gäste des Abends, wie sie der Filmclip zeigt? Unter anderm Dizzy Gillespie – als Stumpenraucher. Nixon ist knapp in seiner Ansage, erklärt (4:36) dass es Erfrischungsgetränke gibt und eine „Jam-Session“ für alle. Der Duke spielt am Flügel im Weissen Haus seine Farbenmusik in einer Solopièce (8:30).

 


Duke Ellington: «An Evening at the White House with Duke Ellington» (YouTube, 15:38).

 

Grüsse an alle in der amerikanischen Nation! Ellington auf dem „Cover“ des „Time“-Magazins vom 20. August 1956.

Grüsse an alle in der amerikanischen Nation! Ellington auf dem „Cover“ des „Time“-Magazins vom 20. August 1956.

 

Wie schön, wie raffiniert: sieben geheiligte Ellington-Klassiker

 

Ein schwarzer Beau mit perfekten Umgangsformen, die Garderobe oft von einer hinreissenden Eleganz. Auf Tourneen nahm Ellington auch mal den eigenen Schneider oder Friseur mit.

Ein schwarzer Beau mit perfekten Umgangsformen, die Garderobe oft von einer hinreissenden Eleganz. Auf Tourneen nahm Ellington auch mal den eigenen Schneider oder Friseur mit.

 

Die sieben Todsünden Ellingtons? Es gibt sie nicht. Dafür sieben wundervolle Klassiker (und noch viele mehr) aus seiner Feder. Eine unchronologische Liste. Hört, hört!

 

1 „Take The A-Train“ (1941) – die Bescherung

Manche Menschen steigen achtlos in den A-Train der New Yorker Subway ein – andere lassen sich dazu zu Musik inspirieren. Billy Strayhorn schrieb 1941 für den Duke das berühmte „Take the A-Train“.

 

 

„Take the A-Train“ von 1941 beginnt zwar mit majestätisch-eindrücklicher Melodie – trotzdem darf man sich wundern, dass „A-Train“ zu Ellingtons grösstem Erfolg wurde. Denn: Die sprunghaften Intervalle scheinen schon den eckigen Charakter mancher schwieriger Bebop-Stück vorwegzunehmen: Der A-Teil weist mehrere Sexten und Quarten auf, die Bridge Septen und Quinten. Schon in der Erstaufnahme vom Februar 1941 hört man übrigens die berühmte Klavier-Einleitung und das aufsteigende Zwischenmotiv in den Soli.

 

Im Notenbild: Die neckische Einleitung zu „Take the A-Train“ – und viele veritable Sext-Sprünge in der Melodie.

Im Notenbild: Die neckische Einleitung zu „Take the A-Train“ – und viele veritable Sext-Sprünge in der Melodie.

 

Sehen und hören wir „Take the A-Train“ mit Vocals im Film „Reveille with Beverly“, 1943.

 


Duke Ellington: «Take the A Train» (YouTube, 3:13).

 

Ausgerechnet Ellingtons Hymne stammt nicht vom Meister selber – sondern von seinem kompositorischen Alter Ego Billy Strayhorn (1915-1967).

Als der junge Strayhorn Ende der 30er-Jahre Ellington erstmals in dessen New Yorker Zuhause besuchte, hatte ihm Ellington den Weg erklärt: Nimm den A-Train in Richtung Harlem! „Doch ehe sich [Strayhorn] auf den Weg machte, besorgte er noch ein Gastgeschenk, angeregt von Ellingtons karriereweisenden Worten: Er komponierte einen Song, nannte ihn ‚Take the A-Train’ und schrieb auch gleich den Text dazu. Das Stück entstand mühelos, wie Strayhorn berichtete: ‚Es war, als schriebe ich einen Brief an einen Freund.’

Ellington nahm nur zu gern an, was ihm Billy Strayhorn „bescherte“. Was für ein Ohrwurm.

 

Duke Ellington and His Famous Orchestra: «Take the

Duke Ellington and His Famous Orchestra: «Take the „A“ Train». Single.
Victor 27380, 1941.

Die Lyrics von „Take the A-Train“ aus der Feder Billy Strayhorns – ein alltagsverbundener und kaum überdurchschnittlich tiefsinniger Text, der ohne Musik kaum überlebt hätte.

 

„You must take the "A" train
To go to Sugar Hill way up in Harlem
If you miss the "A" train
You`ll find you missed the quickest way to Harlem
Hurry, get on, now it`s coming
Listen to those rails a-thrumming
All aboard, get on the "A" train
Soon you will be on Sugar Hill in Harlem“

 

Viele Jazzmusiker haben nach Ellington das Stück aufgegriffen. Eine der eigenwilligsten Versionen stammt vom Stimmakrobaten Bobby McFerrin. Er macht aus „Take the A-Train“ ein Solo-Kabinettsstücklein.

 


Bobby McFerrin: «Train» (YouTube, 3:59).

 

2 „It Don’t Mean A Thing If It Ain’t Got That Swing“ (1932) – das Mantra der Jazzmusik

In den 1930ern war der neu entdeckte swingende Rhythmus des Jazz weltweit ein Faszinosum. Wer hätte nicht dem Ellington-Trompeter Cootie Williams recht gegeben damals in seinem berühmten Diktum: „It Don’t Mean A Thing If It Ain’t Got That Swing“. Duke Ellington schrieb 1932 ein Stück auf diesen Slogan.

 

Duke Ellington und Irving Mills: «It Don't Mean A Thing (If It Ain't Got That Swing)» (Noten).

Duke Ellington und Irving Mills: «It Don’t Mean A Thing (If It Ain’t Got That Swing)» (Noten).

 


Duke Ellington: «It don’t mean a thing» (1943) (YouTube, 2:45).

 

Wenig Melodie, kaum Worte, eine konventionelle Form – aber schmissig war alles trotzdem. Das musikalische Bekenntnis zum Swing wurde zu einer weiteren Erkennungs-Hymne des Ellington-Orchesters – freilich bald auch zum Schlachtruf der Jazz-Traditionalisten gegen die Jazz-Modernisten.

Die Lyrics:

It don't mean a thing

If it ain't got that swing

(doo wah, doo wah, doo wah, doo wah

Doo wah, doo wah, doo wah, doo wah)

It don't mean a thing

All you got to do is sing

(doo wah, doo wah, doo wah, doo wah

Doo wah, doo wah, doo wah, doo wah)

It makes no diff'rence 

If it's sweet or hot

Just give that rhythm 

Ev'rything you got

Oh, it don't mean a thing

If it ain't got that swing

(doo wah, doo wah, doo wah, doo wah

Doo wah, doo wah, doo wah, doo wah)

 

Einer der vielen, der das Stück später adaptierte, war Thelonious Monk (1917-1982). Hier seine Version im Trio vom Juli 1955. Monk spielt das Stück mit verschmitzt-subversiven Geist. Er zerhackt die Melodie in bewährt schratiger Weise.

 


Thelonious Monk: «It Don’t Mean A Thing If It Ain’t Got That Swing» (YouTube, 4:39).

 

Weniger zerhackt als bei Monk ist „It Don’t Mean a Thing“ bei einer der grossen Popdiven unserer Tage: Stefani Joanne Angelina Germanotta, besser bekannt unterm Namen Lady Gaga. Sie nahm sich das Stück gemeinsam mit Crooner Tony Bennet vor im Jahr 2015. Swingin’ Time mit der Pop-Diseuse! Im Vorspann erklärt uns die Gaga auch, was der Song für sie höchstpersönlich bedeutet – und sie stöckelt in putzigen Schuhen mit rosa Zierfeder übers Parkett.

 


Tony Bennett und Lady Gaga: «It Don’t Mean A Thing (If It Ain’t Got That Swing)» (YouTube, 2:17).

 

3 „Mood Indigo“ (1930) – der Sound der Gelassenheit

 

„Mood Indigo“ ist eine weitere Perle Ellingtons – aber eine Perle, an der sich schon mancher verschluckt hat!

„Mood Indigo“ ist eine weitere Perle Ellingtons – aber eine Perle, an der sich schon mancher verschluckt hat!

 

Es ist eine Komposition, die bis heute „interpretatorisches Talent verlangt, soll sie denn klingen.“ (Hans-Jürgen Schaal) Wie bei wenigen Kompositionen Ellingtons zeigt sich hier, dass die Musik des Duke eigentlich nicht reproduzierbar ist– zu individualisiert waren Ellingtons Musiker, zu sehr waren Ellingtons Einfälle auf deren spezifisches Instrumental-Timbre hingeschnitten.

 


Duke Ellington: «Mood Indigo» (YouTube, 4:16).

 

Als Medium-Slow-Thema strahlte das Stück ruhige Gelassenheit aus und wirkte durch die eng gesetzten Harmonien und die rätselhaft düstere Melodielinie (besonders des A-Teils) reizvoll exotisch. Entgegen Ellingtons Behauptung, es sei nur ein kreatives Nebenbei, handelt es sich um eine komplexe, über 32 Takte entwickelte zweiteilige Komposition um das tonale Zentrum As-Dur.

„Ellington war ein Charmeur, der seine eigene Bedeutung rhetorisch brillant hinter sorgfältig gepflegten Mythen versteckte. Über die Entstehung von ‚Mood Indigo’ kolportierte er mit Vorliebe, die Melodie sei ihm zwischendurch zugeflogen, während er bei seiner Mutter auf das Essen wartete.

„Der Klarinettist Barney Bigard, lange bei Ellington in der Band, hat Ellington verklagt, um als Mitautor genannt zu werden. Bigard wollte die Melodie seinem Klarinettenlehrer Lorenzo Tio Jr. entlehnt haben.“

 

Ellington, ein Nachtmensch, hatte immer Säcke unter den Augen. Er war aber auch ein Schlitzohr und bediente sich bei seinen Musikern bei mancher Melodie – wohl auch bei „Mood Indigo“.

Ellington, ein Nachtmensch, hatte immer Säcke unter den Augen. Er war aber auch ein Schlitzohr und bediente sich bei seinen Musikern bei mancher Melodie – wohl auch bei „Mood Indigo“.

 

Zum reichen Nachleben von „Mood Indigo“ zählt die wundervolle Version, die Ella Fitzgerald einsang für „Ella Fitzgerald Sings the Duke Ellington Song Book“ (1957).

 


Ella Fitzgerald: «Mood Indigo» (1957) (YouTube, 3:31).

 

4 „Caravan“ (1936) – ein Schuss Exotik

 

Duke Ellington wollte ursprünglich Maler werden. Seine Musik ging oft auch aus von visuellen Dingen – zum Beispiel von der Imagination einer Wüsten-Karawane.

Duke Ellington wollte ursprünglich Maler werden. Seine Musik ging oft auch aus von visuellen Dingen – zum Beispiel von der Imagination einer Wüsten-Karawane.

 

„’Caravan’ erinnert noch einmal daran, dass die Musik von Duke Ellington in den zwanziger Jahren, als sie im New Yorker Cotton Club berühmt wurde, ‚Jungle Music’ hiess. Der Begriff ‚Jungle’ geht zurück auf die musikalischen Effekte, die Ellington mit seinen Musikern entwickelte, vor allem den Growl Style auf der Trompete oder Posaune.“

 


Duke Ellington, Juan Tizol (Posaune): «Caravan» (1952) (YouTube, 4:13).

 

Auch hier stellt sich wieder die Frage der Autorschaft bei Ellington, dieses perfekt gekleideten – Diebs? Zumindest flossen die Tantiemen für dieses Stück in die Taschen des Duke. Ellington-Biograf James Lincoln Collier betont aber, dass die Kernidee zu „Caravan“ vom Posaunisten Juan Tizol stammt. Noch dramatischer: „Tizol behauptete, ausser ‚Caravan’ und ‚Lost in Meditation’ auch ‚Perdido’ und verschiedene andere Stücke geschrieben zu haben, und es besteht kein Grund, daran zu zweifeln.“ Dennoch stellt sich Collier am Ende hinter den Duke. Dieser sei „Hauptautor“ von „Caravan“, erst seine Umarbeitung des Stücks, vor allem des Mittelteils mit den hellen Farben, habe es zu dem gemacht, was es schliesslich wurde. „Tizols Melodie ist absolut akzeptabel, aber es ist erst das Arrangement, das aus dem Stück etwas macht. Mit ‚Caravan’ machte Ellington eine Menge aus einer simplen Melodie. Es ist klassischer Ellington, voll von Wechseln, Bewegung.“

 

„Caravan“: Trompetenpart für den Trompeter Cootie Williams im Original.

„Caravan“: Trompetenpart für den Trompeter Cootie Williams im Original.

 

„Ellington war der denkbar signorilste Ausbeuter des Jazz. Aber er brachte auch jeden einzelnen seiner Musiker so zu sich selbst, wie der es sich vor Eintritt in die Band nie träumen konnte. Die zentralen melodischen Ideen von nahezu jedem der bekannten Ellington-Songs entstammten den Köpfen anderer, meint Denkmalstürmer Collier. Nur: Am Ende klang alles nach Ellington: der baute aus den unterschiedlichsten Einfällen der unterschiedlichsten Temperamente sein eigenstes individuelles Meta-Kunstwerk.“ (Peter Rüedi)

„Caravan“ gehört heute zum Repertoire jeder vernünftigen Tanzkapelle. Und es wurde von einer kaum überschaubaren Zahl von Jazz-Musikern unterschiedlichster Couleur aufgegriffen – etwa auch vom Schweizer Drummer Charly Antolini. Eine helvetische Sicht auf „Caravan“ in „The Big Drum Solo“ 1993 beim Jazzfestival Bern!

 


Charly Antolini: «Caravan» – The Big Drum Solo (YouTube, 14:14).

 

5 „In a Sentimental Mood“ (1935) – Geschmack des Zuckersüssen

 

Keiner ist hier der Zwerg, der auf den Schultern eines Riesen steht. Duke Ellington und John Coltrane trafen sich 1962 für „In A Sentimental Mood“ – zwei Titanen aus verschiedenen Zeitaltern. Hier klein im Bild.

Keiner ist hier der Zwerg, der auf den Schultern eines Riesen steht. Duke Ellington und John Coltrane trafen sich 1962 für „In A Sentimental Mood“ – zwei Titanen aus verschiedenen Zeitaltern. Hier klein im Bild.

 

„‚In A Sentimental Mood’ erscheint ganz der morbiden und zuckersüssen Gefühlswelt der dreissiger Jahre entsprungen. In den Schlagern jener Zeit waren ‚sentimental’ und ‚mood’ geradezu Modeworte: Man denke an ‚Mood Indigo’ (1931), ‚I’m Getting Sentimental Over You’ (1933), „I’m In The Mood For Love’ (1935) oder ‚I’m In A Dancing Mood’ (1936). Ellington nahm ‚In A Sentimental Mood’ offiziell erst zehn Jahre nach der Entstehung auf. Die wichtigste Aufnahme [dieses Stücks] aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand 1962 durch das unwahrscheinliche Gespann Duke Ellington & John Coltrane, unterstützt von Ellingtons Bassist Aaron Bell und Coltranes Drummer Elvin Jones.“

 


John Coltrane: Duke Ellington: «In a Sentimental Mood» (YouTube, 4:18).

 

Archie Shepp, der revoluzzerhafte und zornige Free-Tenorsaxofonist der 1960er – was hat er zu schaffen mit „In a Sentimental Mood“? Eine ganze Menge!

Dann, nämlich wenn er das Stück zu „seinem“ macht, indem er es feurig und gleichsam Happening-artig einleitet. „In a Sentimental Mood“ als Kampffanfare! Doch alsbald schwenkt Archie Shepp aufs Pazifistische ein. Nach drei Minuten beruhigt sich alles hin. Auch ein Shepp braucht mal Kampfpause!

 


Archie Shepp: «In a Sentimental Mood» (YouTube, 6:14) – Archie Shepp Live In San Francisco am 19. Februar 1966.

 

6 „Prelude To a Kiss“ (1938) – die chromatische Versuchung

 

 

Wie lässt sich die leichte oder auch schwierige Annäherungsphase von menschlichen Paaren hin zum ersten Kuss musikalisch umsetzen? Ellington setzte in seinem „Prelude To a Kiss“ keinesfalls auf aufsteigende, sondern auf absteigende Töne. Dann auch noch auf chromatische. Ist die Annäherungsphase also eher schwierig als leicht?

 

 

„‚Prelude To a Kiss’ ist ein hervorragendes Beispiel für Ellingtons originelle Verwendung der Chromatik, die hier im Zusammenspiel mit einer opulenten Harmonik eine schwüle Atmosphäre erzeugt. Der raffiniert-dekadente Charakter des Stücks lässt sich am besten an der kapriziösen Melodie festmachen, geprägt durch chromatische Linien (h-b-a-as-g, gis-g-fis-f-e im A-Teil, g-as-a-b als Rückleitung im B-Teil) und enorme Intervallsprünge (Sext abwärts, None aufwärts in Takt 5/6, Septen und Sexten auch im B-Teil).“

 


Duke Ellington Orchestra & Johnny Hodges: «Prelude To A Kiss» (YouTube, 4:47).

 

Zwei zeitgenössische Fremd-Einspielungen des Klassikers:

 


Jacob Duncan (Altsaxofon) und Pavel Wlosok (Klavier): «Prelude To a Kiss» (Duke Ellington) (YouTube, 8:23).

 


Brad Mehldau: «Prelude To A Kiss» (YouTube, 9:55).

 

7 „Black and Tan Fantasy“ (1927) – dank Chopin zu Ruhm & Ehre

Gehen wir zum Schluss der sieben hier behandelten Ellington-Klassiker nochmals zurück zu den Anfängen des Duke in den 1920ern. Wie hat er sich den ersten Ruhm geholt als Musiker und Komponist? Mit der Ersteinspielung der „Black and Tan Fantasy“ vom Frühjahr 1927.

 

Movie poster advertises 'Black And Tan,' starring Duke Ellington and his Cotton Club Orchestra, 1929. Also featured are Fredi Washington and the Hall Hohnson Choir. (Photo by John D. Kisch/Separate Cinema Archive/Getty Images)

Filmposter zu «Black And Tan» mit Duke Ellington and his Cotton Club Orchestra (1929).

 

Die Komposition rief begeisterte Zustimmung in der Fachpresse hervor. Der in erster Linie an klassischer Musik interessierte Robert Donaldson Darrell, der als erster Jazzkritiker gilt, urteilte in der ‚Phonograph Monthly Review’: „Diese Schallplatte unterscheidet sich von ähnlichen dadurch, dass sie Extreme vermeidet, denn während die Gags ausgesprochen originell und verblüffend sind, werden sie doch musikalisch ausgeführt, ja sogar künstlerisch. Ein Stück, das niemand lassen sollte! Ein paar Takte des Chopinschen Trauermarsches am Ende verdienen als genialer Einfall besondere Erwähnung.’“

 


Duke Ellington: «Black and Tan Fantasie» (1927) (YouTube 3:36).

 

Ellingtons Manager Irving Mills versuchte seinen Zögling mit der „Black and Tan Fantasy“ auch in den Film zu bringen. Er liess einen 19-minütigen Streifen ins Werk setzen. Hauptdarsteller: Natürlich der Duke.

 


Duke Ellington: «Black And Tan (Full Movie)» (1929) (YouTube, 18:13) – Es geht es um eine Tänzerin in New York, die ein Herzleiden hat und trotzdem auftritt. Sie bricht auf der Bühne zusammen und bittet, auf ihrem Totenbett liegend, die Band, die Titelmusik zu spielen.

 

Der Duke komponierte überall, im Auto, im Tonstudio – und manchmal auch auf dem Sofa.

Der Duke komponierte überall, im Auto, im Tonstudio – und manchmal auch auf dem Sofa.

 

Playliste

Die Klassiker-Kompositionen Ellingtons, oft in den Ersteinspielungen, finden sich im Folgenden. Hör’ Dich eine Stunde lang hinein in die wunderbare, zauberhafte, rätselhafte Musikwelt Ellingtons! In Klammern sind die Interpreten angegeben.

 


Duke Ellington: «Duke Ellington – The Best of (By Classic Mood Experience) – Jazz Music»
1. Take the A Train (1941) (Billy Strayhorn, Joya Sherrill) – 00:00
2. In a Sentimental Mood (1935) (Duke Ellington) – 02:50
3. Diga Diga Doo (1928) (Dorothy Fields, Jimmy McHugh) – 06:05
4. It Don’t Mean a Thing (If It Ain’t Got That Swing) (1932) (Duke Ellington, Irving Mills) – 08:55
5. Mood Indigo (1931) (Duke Ellington, Barney Bigard, Irving Mills) – 12:02
6. Black and Tan Fantasy (1928) (Duke Ellington, Bubber Miley) – 14:56
7. Prelude To a Kiss (1938) (Duke Ellington, Irving Gordon) – 18:17
8. Creole Love Call (1928) (Duke Ellington) – 21:11
9. East St. Louis Toodle-Oo (1927) (Duke Ellington, Bubber Miley) – 25:17
10. Creole Rhapsody Parts 1 & 2 (1931) (Duke Ellington) – 28:18
11. Limehouse Blues (1931) (Douglas Furber, Philip Braham) – 34:33
12. Sophisticated Lady (1933) (Duke Ellington, Irving Mills) – 37:40
13. Rose Room (In Sunny Roseland) (1932) (Art Hickman, Harry Williams) – 40:51
14. Stormy Weather (1933) (Harold Arlen, Ted Koehler) – 43:49
15. Caravan (1937) (Juan Tizol) – 46:48
16. I Let a Song Go Out of My Heart (1938) (Duke Ellington, Irving Mills, Henry Nemo, John Redmond) – 49:24
17. Ko Ko (1940) (Duke Ellington) – 52:25
18. Perdido (1943) (Juan Tizol) – 55:05
19. Don’t Get Around Much Anymore (1943) (Duke Ellington, Bob Russell) – 58:13
20. I’m Beginning To See the Light (1945) (Duke Ellington, Don George, Johnny Hodges, Harry James) – 1:01:27
21. Satin Doll (1953) (Duke Ellington, Billy Strayhorn, Johnny Mercer) – 1:04:39

 

Literatur

Cover: James Lincoln Collier: Duke Ellington – Genius des JazzBuchtipp
James Lincoln Collier: Duke Ellington – Genius des Jazz (Ullstein / die amerikanische Originalausgabe erschien 1987).
Ein fantastisches Buch, das manchmal so kritisch gehalten ist, dass man fast meint, Collier wolle Ellington vom Sockel stürzen. Ausgezeichnet insbesondere in der feinen Charakterisierung Ellingtons als Person – Collier hat zudem ein ausgezeichnetes Ohr und Kunsturteil. Das Standardwerk über Ellington. Liest sich ungemein spannend!

Verwendete Literatur

[1]
Scott DeVeaux/Gary Giddins: Jazz – Essential Listening (2011, New York).
[2]
Duke Ellington: Music Is My Mistress (1973) – auch in dt. Übersetzung erschienen: Duke Ellington, Autobiografie (Listverlag 1974).
[3]
The Duke Ellington Reader (Oxford, 1993).
[4]
David Hajdu: Lush Life: A Biography of Billy Strayhorn (Northpoint 1996).
[5]
Diverse Artikel von Peter Rüedi in der „Weltwoche“ zu Ellington.
[6]
Uwe Wiedenstried: Yeah, man! Wilde Jahre des Jazz (Berlin 2005).
[7]
Hans-Jürgen Schaal – Jazz-Standards. Das Lexikon. ( (2001, Kassel).